Freitag, 21. November 2014

Der Birnbaum

Einen sicheren Ort braucht jeder Mensch. Einen von der Art, der ihm gestattet, nur mit sich zu sein. Soeben hatte sie die Autobahnbrücke überquert, den Blick auf ihr Ziel gerichtet: Ihr kleines Paradies, den verlassenen Garten hinter dem nahen Waldstück.
Kaum jemand wagte sich an diesem Tag und erst recht nicht zu dieser frühen Stunde vor die Tür. Die Temperaturen waren in den letzten Tagen erstaunlich rasch über den Gefrierpunkt gestiegen. Aber die Nacht hatte die Wege wieder mit einer feinen Eisdecke überzogen. Zaghaft schummelten sich erste Sonnenstrahlen in den jungfräulichen Tag.
"Willkommen", flüsterte sie und lauschte dem Knirschen unter ihren Schritten. Hinter Hagebuttenbüschen schälten sich farblose Kiefern aus finsterer Nacht. Wie eine Geburt, dachte sie, nur so ganz anders als meine.

Schon wenige Minuten, nachdem sie einst aus dem Leib ihrer Mutter geschleudert worden war, hatte ihr eine Stimme geraunt: „War nicht geplant, aber selbst schuld! Du hast es so gewollt!“
Sie schaute sich um, verwundert ob all des Blendwerks in der Welt, in die sie gestoßen worden war, und fror.
Mit den Jahren lernte sie, wie sich der Taumel anfühlte, die Unbegreiflichkeit des menschlichen Lebens in einer schier unendlichen Welt. Wusste, wie es leidlich funktionierte, dieses introvertierte Experiment in einem extrovertierten Körper. Unberechenbar war es. Begierig versuchte sie, die Zusammenhänge dieser merkwürdigen Umgebung zu verstehen. Tief in ihrem Innersten hütete sie ihre Erkenntnisse, als seien diese kostbarer als jeder Schatz, als hinge davon ihr Leben ab. Ausnahmen machte sie ausschließlich, wenn sie eine Notwendigkeit vermutete oder Vertrauen fasste.
Hinter ihrer Fassade brodelte ein Vulkan, den sie mit vordergründig unbedarftem Geplapper zu verbergen suchte.
Etliche Male hatte sie in den vergangenen Jahrzehnten zu sich selbst gesagt: „Das haste nun davon. Du wolltest es ja so! Nun komm damit klar!“, um gleichzeitig Nachsicht zu üben, „Ich bin zwar unschuldig an meinem Dasein, aber für eine Weile hier, wo ihr alle seid.“
Du warst schon damals was Besonderes.“
Ein Satz , der bei einem der letzten Klassentreffen gesprochen worden war. Sie hatte mit den Schultern gezuckt. Aber dann war es aus ihr herausgebrochen. „Wenn ich aufschreibe, was ich sehe, dann verstehe ich die Welt jedes Mal ein bisschen besser.“
Und die ehemaligen Wegbegleiter schauten auf, bereit, ihren Worten zu lauschen.
Erinnert ihr euch noch, wie XY den Frosch im Schreibtisch von MN versteckte?“, lenkte sie ab. Man erinnerte sich.
Im folgenden Stimmen- und Geschichtengewirr verabschiedete sie sich von denen, die für sie mehr als Schulgefährten bedeuteten – sie waren innig geliebte Freunde, jeder für sich und unersetzbar.
Besondere Zuneigung entwickelte sie mit den Jahren für die, dem äußeren Anschein nach zu urteilen, einfachen Menschen. Unaufdringlich lebten diese ihr Leben ab, gaben sich zufrieden, täglich einen dampfenden Topf auf dem Herd stehen zu haben und klagten nicht. Mochte man meinen.
Sie erinnerte sich an ihre Großeltern, bei denen sie mit den Eltern wohnte. Einfache Leute, die auf dem Land lebten. Fleißig und anständig. Es ging darum, den letzten Krieg in die Vergangenheit zu verbannen. Sie wollten endlich das tun, wozu sie gekommen waren: leben, Kinder großziehen, freundlich zu jedermann sein, die Welt wieder besser machen, vergessen.
Und sie gaben ihr das Gefühl, aufgehoben zu sein in einer Welt aus Liebe und Zuwendung. Hier begann sie zu lernen, zu buchstabieren, zu lesen. Zunächst in Sütterlin, später in Hochdeutsch. Mit vier Jahren buchstabierte sie sich seitenweise „Immensee“ zusammen. Dem folgten Geschichten aus Deutschen Mädchenkalendern, Grimms Märchen, „Atta Troll“, „Iphigenie auf Tauris“, "Nick Tappoli",… Bücher, die sie in einer Reisetruhe auf dem Dachboden gefunden hatte, deren Inhalt sie lange nicht verstand, die sie seither begleiten. Sie lernte Worte, las, hinterfragte und krakelte nachahmend erste Buchstaben in diese Bücher, formte daraus ihre ersten geschriebenen Worte.
An Sonntagen besuchte sie mit den Eltern den väterlichen Teil der Familie. Sie empfand deren Akzent nicht ungewöhnlich, glaubte, das sei völlig normal, wenn diese kein Deutsch miteinander sprachen, weil sie sich unbeobachtet wähnten. Sie nannte sie Andreoma und Andreopa und dachte „Babička“ und „Dediček“, und das Haus, in dem sie wohnten „Haus mit Geruch nach Badeofen“.
Was war von ihnen nach all den Jahren geblieben? Erinnerungen an die Warmherzigkeit der einen und an das Mittagessen der anderen. Und was braucht ein Kind schon mehr als das?
Völlig anders, ja beinahe unglaublich, gestaltete sich dagegen das Bild paarungswilliger Gemeinschaften, deren Trug auch sie mit anfänglicher Naivität erlag. Von dieser Liebe waren die Münder voll in der Welt. Niemand, der nicht mindestens einmal am Tag darüber sprach, sie in Worte zu pressen suchte.
Herzchenkritzler, Blümchenreißer, Sternchenmörder … die Liste der Namen, die sie jedem einzelnen von denen zu geben wusste, war lang.
Diese Utopie von der Liebe hatte bald ihren anfänglichen Reiz, den all das verströmt, was man nicht kennt, eingebüßt. Liebe in Form eines Gegenüber- Ichs gab es nicht, erkannte sie bald. Die Wahrscheinlichkeit, einer Magd zu begegnen, die eine verzauberte Prinzessin war, wäre gleichwohl höher anzusetzen. Wahlweise könne man auch Frösche ansabbern.
Fassungslos beobachtete sie den obligatorischen Balzakt, der einzig auf die Begattungsszenarien zusteuerte und das Wort Liebe mit unverhohlener Dreistigkeit in den Schmutz warf.
Sie ließ sich auf einem Baumstumpf nieder und schaute nachdenklich auf die Lichtung, die sich wenige Schritte vor ihr aufgetan hatte. Mehrmals hatte sie an diesem Ort schon Himmel, Bäume, ja selbst das Moos, das in stoischer Ruhe über den Waldboden kroch, um Antworten angefleht.
Taugte sie nur dazu, dass sich jemand an sie lehnte, verschnaufte, seinen Träumen nachhing? Und warum scheiterte jeder Versuch sie mitzunehmen an ihrer Schutzmauer aus unerbittlicher Konsequenz?
Blindlings waren die Betreffenden in die Einbahnstraße der Verlockungen abgebogen, ungläubig krochen sie wieder daraus hervor.
Nicht die trügerische Illusion von der Liebe enttäuschte sie, vielmehr die Oberflächlichkeit, mit der Menschen schnellstmöglich jenem Wunschdenken einen Namen zu geben versuchten. Sie preschten rücksichtslos durch die Betten, um nach einem kurzen Rausch in einer postkoitalen Depression zusammenzusacken.
War nicht geplant, aber selbst schuld! Du hast es ja gewollt!“, versuchten sie ihre Verantwortung mittels haltloser Projektionen loszuwerden. Dann kniffen sie feige den Schwanz ein und belauerten die Reaktion ihres Gegenübers.
Und sie erwiderte knapp: "Fastfood-Liebe zum Schnäppchenpreis gibts heute bei Mc Donalds. Renne!“
Ernüchterung machte sich breit.
Aber es gab noch eine andere Liebe, eine reine und die uneigennützigste überhaupt. Ihre Nachkommen empfing sie mit unbeschreiblichen Glücksgefühlen, beschützte und behütete sie auf ihren Wegen ins Leben. Sie liebte jeden Einzelnen, wie sie nie einen anderen Menschen in ihrem Leben geliebt hatte. Da war kein Fordern nach Zuneigung, kein Abwägen, kein Spekulieren, außer der Selbstverständlichkeit, die man nirgends woanders zu finden vermochte: In sich und aus sich seiende und alle Zeiten überdauernde Liebe.
Während sie so dasaß, breitete sich das Licht der Februarsonne langsam über die kahle Lichtung. Reste von Schnee glichen einem Blütenmeer, das sich zärtlich an den frostigen Boden schmiegte.
Sie war in ihrem Paradies angekommen.
Eigensinnig wischte sie sich eine Träne von der Wange und erkannte, wie unvergleichbar es war, sich trotz allem noch wundern zu können.
Unmerklich huschte plötzlich ein Lächeln über ihr Gesicht. Wie viele Jahrzehnte mochte es her sein, dass sie einander zum letzten Mal so nah gewesen waren? Und dennoch überraschte sie nicht, ihn wieder bei sich zu spüren. Als sei dies das Normalste von der Welt, war er aufgetaucht und schaute gleichermaßen auf die Lichtung, die den einstigen Garten erahnen ließ. Jenes Stückchen Land, das kein Mensch mehr pflegte, unterschied sich nur unwesentlich von der übrigen Umgebung. Allein die verwilderten Obstbäume neben einer eingestürzten Mauer ragten als Fingerzeig in den dämmernden Februarmorgen.
Seine Anwesenheit fühlte sich anmutig an, fast so wie damals, als sie einander zum ersten Male gewahr wurden. Von einem Augenblick auf den anderen war er dagewesen, unmittelbar und fraglos ihr zugeordnet, unaufdringlicher Gefährte, Zuhörer und Ratgeber, Freund. Sie nannten sich nie ihre Namen und wussten doch alles voneinander, ohne jemals auch nur ein einziges Wort gewechselt zu haben.

Auch jetzt, da ich Ihnen davon erzähle, weigert sich etwas in mir, wenigstens einem von beiden irgendeinen Namen zu geben. Sogar mir, die ich ihre Geschichte erzähle, hat sie nie einen preisgegeben.
Weiß ich, wie die Leser meiner Geschichte heißen?“, scherzte sie in einem der Momente, in dem ich wie so oft zweifelte.

'Bald ist Frühling', dachte sie. Und er lächelte und nickte, ohne die Blickrichtung zu ändern.
Sie sprachen nicht miteinander wie wir es tun, Sie und ich und alle Leute um uns herum. Reden schien ihnen etwas Heiliges zu sein, etwas, das Menschen wie wir den lieben langen Tag aus unterschiedlichen Gründen tun und sei es, um unserer Einsamkeit zu entfliehen: Von Aug zu Auge, von Telefon zu Telefon, von Gartenzaun zu Gartenzaun, von hinter Türen oder mit uns selbst.
Worte und Widerworte, wohin man schaue, sagte sie einmal und lachte. Die wenigsten wollten wirklich ausgesprochen sein. In atemberaubender Verschwendung überfluteten sie die Welt der Sprechenden, unwiederbringlich und jeglichem Missbrauch ausgesetzt. Da sei es gut, schweigen zu können.
Inmitten dieser Schweigsamkeit bot ihnen der aufkommende Wintermorgen sein sparsames Farbenspiel. Die Nacht versank mit ihrem schwarzen Tuch hinter dem Buchenwald. Zaghaftes Blau begann, sich über die noch schläfrige Ödnis zu wölben. Mit einer scheuen Umarmung der vom Frost erstarrten Erde, kosten erste Sonnenboten die Landschaft.
Doch im verhärteten Boden regte sich längst neues Leben. Wenige Tage nur, dann würde das Neue den Verlockungen der Sonne nachgeben. Vielleicht wäre es zu viel, zu behaupten, sie spürte dies. Ich kann mir allemal gut vorstellen, wie ihr gerade derlei Gedanken durch den Kopf gingen, denn sie erhob sich und trat bedacht auf die Lichtung. Diese Schritte noch wollte sie tun, diese wenigen Schritte hinüber zum Birnbaum. Aus seinem Blickwinkel wünschte sie ihre Welt zu betrachten, wie sie es all die Jahre zuvor getan hatte.
Seine knorrigen Äste trugen seit dem letzten Sommer keine Früchte mehr. Die ohnehin wenigen Knospen waren schon vor der Blattbildung abgefallen, erinnerte sie sich, und setzte sich schweigend zu ihm. Der Stamm, dessen Rinde seit Jahren mit einer Verletzung kämpfte, trug sein Schicksal mit Gleichmut. Ihre Hand zitterte bei der Berührung des Holzes. Zärtlich glitten die Fingerspitzen über seine Wunde, kaum dass sie sie zu berühren wagten.
Sie wollte nicht trauern. Es galt Abschied zu nehmen, Abschied von dieser Welt mit ihrem Birnbaum darin. Den Tag hatte sie nicht ausgesucht, wenngleich sie sicher war, dass er kommen würde. Ein Februartag also, einer von denen, die den Frühling erahnen ließen, einer, an dem der Winter seinem Ende ins ebenso bleiche Angesicht blickte.
Früher als gewohnt war sie aufgewacht und hatte zur selben Stunde gespürt, wie es sie hierherzog. Mit dem Gefühl vollkommener Zufriedenheit war sie losgelaufen, kaum den Weg beachtend, nur dieses eine Ziel vor Augen. Und sie war nicht allein, denn selbst wenn man mich dazurechnete, die ich davon berichte, sollte man sich daran erinnern, dass sie alle diejenigen um sich wusste, die ihr das Gefühl gaben, keiner Einsamkeit entkommen zu müssen.
Trotz allem vermisste sie Grundsätzliches, etwas, das ihr abhanden gekommen war, ohne dass sie diesen Verlust an einem bestimmten Datum hätte festmachen können. Nicht die Flucht vor dem Leben, sondern die Rückkehr aus einem Strudel, der das Leben eines Menschen durcheinanderwirbelte, hieß es zu wagen.
Mit den Vertrauten an ihrer Seite und dem Gespür für besondere Momente sollte es ihr gelingen.
Gerade so, als könne er Gedanken lesen, streckte er ihr seine Hand entgegen. Nichts Ungewöhnliches, werden Sie denken. Freunde reichen einander öfter mal die Hand, umarmen sich oder klopfen dem anderen wohlwollend auf die Schulter! Aber glauben Sie mir, auch wenn diese beiden eine Ewigkeit umeinander wussten - sie hatten jemals weder miteinander gesprochen, noch hatten sie sich angesehen oder berührt. Das kommt Ihnen jetzt seltsam vor, nicht wahr?
Wenngleich sie hätte erschrocken sein müssen, zeigte sich kein Erstaunen, geschweige denn Fassungslosigkeit in ihrem Gesicht. Stattdessen hob sie ihre Hände aus dem Schoß und näherte sich mit ihnen der ihr dargebotenen Hand.
Zum ersten Mal im Leben ward ihr warm. Nicht von einer solchen Wärme, die uns ein Feuer, ein Ofen, eine Heizung zu spenden vermag, vielmehr eine, die uns aus den Farben der Fantasie leuchtet.
Unverhofft standen sie sich zugleich gegenüber. Und sie erschrak auch jetzt nicht, da sie den Freund erkannte. Sie selbst war es, die da stand, im Begriff sich die eigene Hand zu reichen. Außer Zweifel, sie entdeckte sogar darin das Kind, das sie gewesen war und verloren geglaubt hatte. Augenblicklich begriff sie, nickte und wusste, sie würde es nie wieder gehen lassen.
Im Angesicht der aufgehenden Sonne, bei jenem Birnbaum, berührten sie einander und verschmolzen.
Einen flüchtigen Moment lang schwebte ein Licht über diesem Ort, nicht größer als ein Glühwürmchen, jedoch mit einer Leuchtkraft, die den verwilderten Garten mit einer Aura aus gleißendem Licht überzog. Und ein sterbender Birnbaum stand plötzlich an diesem Februarmorgen in voller Blüte.






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