Sonntag, 5. März 2017

Ein Anflug von Grün


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Als Federstrich nur entstehen Konturen.
Wo gestern im Schneeweh Rehe erfroren,
ward mitten im Sturm ein Kindlein geboren.
Zur Mitternacht. Mondlos. Unter Torturen.

Brachiale Attacke; winzig, die Spuren!
Nur Nebel im Kopf, vermeintlich verloren.
Es grub sich ins Licht zum Leben erkoren.
Welch kraftvoller Trieb - Garant der Kulturen.

Die Rehe? - Vergessen. - Alles nur schaut
aufs Kindlein. Ach, wie vorm Kindlein mir graut!
Kurz brüllt es, dann schweigt es unter den Hecken.

Was nächtens dir grau erscheint, wird bei Tage
geweckt, raunt der Wind. Es klart bereits vage
auf Winters Gebilden schlohweißer Flecken.

2. Bild

Des Winters Gebilde schlohweißer Flecken
zeigt Risse, in denen Fühler sich spitzen,
gleich Nadeln, die schmal im Faltenwurf blitzen.
Besonnen erscheinen sie aus Verstecken.

Versuche, das Grün mit Eis zu bedecken,
gelingen nur nachts. Dies wird nichts mehr nützen -
der Tag sieht den Lenz am Wiesenrain sitzen
und nimmt jenen letzten Stunden den Schrecken.

Das Dasein gebiert, Gebor'nes wird sterben,
wird dennoch, trotz aller Narben und Kerben,
das Neue in sich alltäglich erwecken.

Berauscht vom Beginn, dem Licht nach den Nächten,
befreit sich das Land von finsteren Mächten.
Beschwingter Gesang beflügelt die Becken.

3. Bild

Beschwingter Gesang beflügelt die Becken.
Ein Rinnsal quillt über Moos und Rabatten.
Der Eichkater sucht die Katz zu begatten,
derweilen am Weiher Biber sich necken.

Vom Hof tönt Gegacker. Dort schreitet im kecken
und schneidigen Schritt ein Hahn auf die Platten;
tut stolz wie ein Pfau. Die Hennen im Schatten
verwundern sich sehr: Was will der bezwecken?

Kaum lockt mal die Sonne, spielen die meisten
verrückt, wagten tollkühn sich zu erdreisten,
verdrehten vor Eifer sämtliche Uhren!

Recht flüchtig erwärmt das Himmelsgestirn
mit Strahlen, kaum mehr als brüchiger Zwirn,
die Flüsse und Wälder und Kreaturen.

4. Bild

Wie Flüsse und Wälder und Kreaturen
sind Schößlinge auf dem Sprung zu erwachen.
Indessen die Zeit drängt weiterzumachen,
erträumen sich Zweige und Äste Frisuren.

Die Weide am Waldsee ringt um Strukturen,
weshalben sich Fichten biegen vor Lachen.
Ein Windstoß. Die Äste knicken und krachen.
Gelächter? Verstummt. Was bleibt, sind Frakturen.

Verletzte Gefühle, brennende Wunden -
von gleicher Gestalt, durch Schmerzen verbunden.
Die wenigsten enden ohne Gravuren.

Gedeihen wird, was auf Liebe basiert,
zudem, wenn der junge Frühling regiert,
am Ende, zum Beispiel, solcher Zäsuren!

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Am Ende, natürlich, solcher Zäsuren,
eröffnet der Neubeginn seine Türen.
Er lässt sich auf Märzen durchaus datieren,
erkennbar mithin am Fasten und Kuren.

Der Erde entspringen Miniaturen,
den Küssen am Gartenzaun eigne Manieren.
Der Hauch dieses Auftakts ist zu erspüren.
Vergessen sind fast des Winters Blessuren.

Der Mensch strebt danach, das Land zu bewandern,
den Feldweg entlang durchs Luch zu mäandern
und will mit Passion den Frühling erschmecken.

Er trägt seinen Mantel, oben geschlossen,
sucht Farben im Grase schier unverdrossen,
wo sonnige Blicke Weiten entdecken.

 6. Bild

Wo sonnige Blicke Weiten entdecken,
erhebt sich der Schleier eisiger Strenge.
Einst schillernder Glanz ward graues Gemenge;
vermehrt gewinnt Grün in sämtlichen Ecken.

Der Buchenwald tastet zu diesen Zwecken
mit Tausenden Augen sich aus der Enge.
Erwachendes Blinzeln in dem Gedränge
hofft endlich den Wandel ganz zu vollstrecken.

Wenn alles sich schmückt, macht Einer Sperenzchen,
verhagelt den Tag mit Fisimatenten,
kaum dass sich die ersten Frühblüher recken!

Noch warten die Blüten, warten die Kränzchen,
bis letztendlich mit Erfolgsargumenten
aus Knospen sich Blätter schälen und strecken.

7. Bild

Die Knospen und Blätter schälen und strecken
hervor ihr Gesicht - zu Kräften gekommen.
Betrachter verharren staunend benommen
vor Zweigen, die grüne Zahnreihen blecken.

Wer denkt da an Mücken, lästige Schnecken ...
Ihr meint jetzt, ich wäre voreingenommen?
Aus vielfachen Kehlen tönt ein "Willkommen!"
Gilt dies auch für Wespen, Läuse und Zecken?

Wir sehnen und träumen, glauben und hoffen,
frohlocken im Chor: Die Welt steht uns offen!
und sind doch nur ihre Karikaturen.

Erbarmungslos und mit rasenden Herzen,
entschlossen, die Winterzeit auszumerzen,
durchpflügen Geschöpfe sämtliche Fluren.


8. Bild

Durchpflügen Geschöpfe sämtliche Fluren,
klingt jedes Geräusch verändert im Wald.
Die Felder, so grau wie nackter Asphalt,
erheben sich erst mit Temperaturen.

Der Himmel wölbt blau, wölbt prächtig azuren.
"Ein Krokus, nein zwei! Nein dreie, nein - halt!"
Der Aufschrei, der schrill durchs Wäldchen erschallt,
ist Teil nur von vielen derlei Torturen.

Ick goh nu ierst recht, ehr dot ses zertrampeln,
tau Waldramse, Mier, wos dat nu al gifft,
unn Piplock - so heeßt in’t Ollmork de Lauch.

Unn denk: Lot se lopen, hampeln unn strampeln,
al Neeslang ward do de Jauch hinjeschifft
(dünkt my), von em Burn, dat will nu de Brauch.


Waldramse
: Bärlauch
Mier: Miere, insbes. Vogelmiere
Piplock: wilder Schnittlauch
Ollmork: Altmark


9. Bild

Der Bauer im Frühling, so ist der Brauch,
will heute den Hof und Stallungen fegen,
steht prüfend am Tor, von Westen droht Regen.
Der Hofhund hebts Bein am Flederbeerstrauch.

Vom Schornstein quillt schwerer würziger Rauch.
Im Schuppen das Buchenholz muss er sägen.
Die Kirchenuhr mahnt zum Mittag mit Schlägen;
wer schaffen soll, denkt er, braucht was im Bauch!

Zwei Schwalben erkunden altes Gemäuer,
ein Kater, halb blind, sonnt sich bei der Scheuer.
Es scheint, dass der nichts von Aufregung hält.

Der Plan für das Jahr steht fest, ist entschieden,
der Bauer kratzt sich den Nacken zufrieden,
erwägt seine Kosten, Saat ist bestellt.


10. Bild

Erwägt seine Kosten, Saat ist bestellt,
der Landmann schlurft übers Pflaster zum Stall.
Der, weiß er, steht vor dem sichren Verfall;
er schimpft, weil der Hund den Kater anbellt.

Gleich unter der Linde sitzt sie und pellt
Kartoffeln geübt mit scharfem Metall
und träumt von der Liebe, rein wie Kristall,
vom Licht, das spontan dem Himmel entfällt.

Wohin wird das Jahr uns dieses Mal treiben?
Wird's grundsätzlich anders oder so bleiben?
Und finden die Töchter endlich Kontakt?

Die Stalltür stöhnt auf, sie quietscht in den Zapfen,
Dahinter hört man den Bauersmann stapfen.
Nervös scharren Hufe uneins im Takt.

11. Bild

Nervös scharren Hufe uneins im Takt:
Hinaus in die Welt, dem Sturmwind empfehlen
im Drang, mit der Freiheit sich zu vermählen;
beschlossen ist längst der fällige Pakt!

Vor Stunden noch namenlos und abstrakt
bricht Grün aus dem Grau, das Land zu beseelen,
schießt wohlig dem Holz der Saft in die Kehlen,
verkündet den Lebenswillen intakt.

Grad eben noch brannte hell der Planet,
als deutlich ein Schlag Gewitter bezeigt.
Es gießt wie aus Kannen, wie aus dem Schlauch.

Das Wetter ist launisch, reizbar, verdreht
und zögert, wenngleich dem Lenz zugeneigt.
Noch dauert der Wechsel, ist nur ein Hauch.

12. Bild

Noch dauert der Wechsel, ist schier ein Hauch,
da treffen Spaghettiträgervertreter
in Fußgängerzonen, alle zehn Meter,
auf Lammfellmodell und Handschuhgebrauch.

Die eine zeigt Strick, die andere Bauch.
Na und, sagt er sich, wer denkt schon an später?
Die Fortpflanzung drängt, das weiß doch fast jeder,
das Lammfellmodell und die Bauchfreie auch!

Befürchten die einen Blasenentzündung,
begehren die zweiten Liebesverbindung,
mit jenem, der vorzugsweise gefällt.

Gedankenversunken fährt der Betrachter
nach Hause, vielleicht ein wenig bedachter.
In milder Erwartung wähnt er die Welt.

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In milder Erwartung wähnt er die Welt:
Ein Kranich, entschlossen niederzugleiten,
beginnt unbeirrt das Feld zu durchschreiten.
Das ist noch vom Frost vernarbt und entstellt.

Sein Ruf, der als Echo wiederkehrt, gellt,
als spotte er dreist den Unwägbarkeiten.
Worüber die Menschlein grübeln derzeiten,
ach, einerlei, eigens selbst ausgewählt!

Er stelzt voller Anmut, stakst grenzenlos.
Sein Anblick gestaltet sich virtuos
gar dort, wo die Scholle öd liegt und nackt.

Mithilfe von filigranen Gebärden
liebkost er die selbstvergessenen Erden
und tüpfelt das Land behutsam smaragd.

14, Bild

Er tüpfelt das Land behutsam smaragd.
Aus blassgrauem Nebel ragen pastell
naiv ein paar Halme, wohl der Appell
Versprechen zu halten. Ein Artefakt.

Der Frühling entdeckt als Autodidakt
jetzt Illustrationen in Aquarell.
Aus seinen Gemälden gleißts licht und hell
und Sonnengelb tritt mit Grün in Kontakt.

Da färbt sich die Luft am Himmelszelt blau
und zahllose Blüten sind auf dem Sprung.
Ein Reh hier, eins dort, ein paar Korrekturen …

Ein Strichcode zieht über erdiges Rau
mit Wendigkeit und geschmeidigem Schwung.
Der goldene Strich belebt die Konturen.


15.  Bild

Mit Federstrich nur beleben Konturen
des Winters Gebilde schlohweißer Flecken.
Beschwingter Gesang beflügelt die Becken,
die Flüsse und Wälder und Kreaturen.

Am Ende, natürlich, solcher Zäsuren
wenn sonnige Blicke Weiten entdecken,
aus Knospen sich Blätter schälen und strecken,
durchpflügen Geschöpfe sämtliche Fluren.

Der Bauer hingegen, so ist der Brauch,
erwägt seine Kosten - Saat ist bestellt.
Nervös scharren Hufe uneins im Takt.

Noch dauert der Wechsel, ist schier ein Hauch.
In milder Erwartung wähnt er die Welt
und tüpfelt das Land behutsam smaragd.

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