Freitag, 1. Dezember 2017

Abschied

"Habemus Weihnachtum! --- Habeeeemus Weihnachtum!"
Mit leisem Lächeln, ähnlich dem, das man einem Sterbenden auf seine Reise in die Ewigkeit mitgibt, mit ebensolchem Lächeln lauschte der Alte und flüsterte "Morgen."
An den Türrahmen gelehnt vernahm er aus dem nahen Wald die Antwort.
"Nachtum --- Nachtum"
Seine Stimme klang heute befremdlich. Aber niemand nahm Notiz, hier, abseits des Dorfes, dem Wald näher als der Kirche.
Milchiger Qualm quälte sich aus der Esse, verfing sich im Geäst einer Akazie, die sich an den Ortgang des brüchigen Giebels schmiegte. Der Hund neben dem Hoftor blinzelte regungslos zu ihm herüber. Vor der Scheune kratzte eine Handvoll Hennen in eisiger Krume.
"Habemus Weihnachtum!" Der Alte entlockte dem Wald zum vorerst letzten Mal eine Antwort.
"Nachtum"
Sein Lächeln wich einem nachdenklichen Blick über den Hof. Schwerfällig löste er sich aus seiner Position und griff nach der Türklinke. Da stieß zu seiner Verwunderung aus der umnebelten Akazie eine Dohle hervor. Ihr Flügelschlag fauchte durch die eisige Stille des Morgens, während sie den Hof zu umrunden schien. Schließlich landete sie auf dem Dach des Holzschuppens.
Von dort aus begann sie zu krächzen. "Habemus Otto!"
Dem Alten entglitten jegliche Gesichtszüge. Von einer zur anderen Sekunde erbleicht. suchte er Halt am Türrahmen und griff sich an die Brust.
"Habemus Otto!", krächzte die Dohle erneut, rücksichtslos, wie es schien.
"Habemus Ottom!", korrigierte der Alte flüsternd die Dohle um Fassung ringend.
"Habemus Otto!", die Antwort kam prompt.
Und Erinnerungen brachen in die Szene. War es zehn oder bereits elf Jahre her? Er sah seine Frau vor sich, seine Frau, die eines Morgens nicht mehr aufwachen wollte. Sie, die nur ein Jahr vor ihrem Tod eine junge verletzte Dohle gefunden hatte. Liebevoll, beinahe überschwänglich pflegte sie den Vogel, sprach mit ihm mehr als mit ihm, ihrem Mann. Diese Freundschaft fand an jenem Morgen jäh ein Ende. Die Dohle flatterte hinaus in den Wald und kehrte nie wieder. Otto, die Dohle.
Der Hund hatte sich erhoben und kläffte. Aus der Scheune drang mickriges Gackern.
Der Alte schlurfte ein paar Schritte hinaus auf den Hof und tastete die Umgebung suchend ab. Auf einem First, den die Jahre eingedrückt hatten, entdeckte er sie. Den Kopf leicht geneigt starrte die Dohle auf den Weg, der zu seinem Gehöft führte.
Der Alte schlug sich die Hand an die Stirn. Wie konnte er vergessen, dass seine Tochter mit ihm über den Weihnachtsmarkt bummeln wollte! Als sich das Hoftor öffnete, erkannte er ihr Auto. Sie kam nicht allein. Eine Freundin schien sie zu begleiten.
"Papa, was tust du hier in der Kälte im Schlafanzug auf dem Hof!", schrie sie besorgt beim Anblick ihres Vaters. Doch bevor er sich erklären konnte, unterbrach sie ihn. "Darf ich dir vorstellen: Schwester Dima vom Seniorenstift Unser Lieben Frauen. Sie will dich kennenlernen."




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