Freitag, 14. März 2014

Aufbruch



1

Das Volk drängt wieder auf die Promenade.
Es latscht am Sonntag mit den Menschenhunden
durch die Natur, dreht mehr als ein, zwei Runden
und trampelt über Rasenstücke Pfade.

Natürlich ist der Mensch an sich Nomade.
Im Winter hat zudem er viele Stunden
daheim gesessen, dort, wie festgebunden.
Wenn er nicht wandern kann, wird er malade.

Jetzt, da die Sonne hoch und höher steigt,
schafft auch Konsum sich Highlights, weit verzweigt,
betreut durch ein marodes Management.

Die Grillsaison braucht ständig neue Würste,
die Wohnung Lappen oder Teppichbürste -
von Wiesen droht ein neues Happy-End.


2

Von Wiesen droht ein neues Happy-End.
Dort liebt und küsst und streichelt man ganz offen,
hat sich, oh Wunder, hier zum Kuss getroffen,
als sei der Winter ganz und gar dement.

Entsprechend findet das Experiment
nun auf den Blüten statt, auch wenn die hoffen,
dass eine ihrer Nesseln diesen schroffen
Gesellen unverzagt den Steiß verbrennt.

Ein Amselweibchen hockt auf seinem Nest
am Heckenrand, verfolgt das Paarungsfest,
bis es vorbei ... Man flucht und flieht und flennt!

Indes sieht man's am Himmel golden prahlen,
denn dessen ungeachtet schickt sie Strahlen:
Die Sonne heizt am weiten Firmament.


3

Die Sonne heizt am weiten Firmament;
man sieht in Parks nun viele Leute grillen,
die ihren Appetit auf Steak und Würstchen stillen.
Von Beistelltischen prangt ihr Sortiment.

Familienväter aus dem Orient
erkennt man meistens, weil sie abseits chillen.
Und bei den Großfamilien der Antillen
serviert man Huhn mit Reis auf Pergament.

Durch Lindenbäume wabert zünftig Rauch;
die Völker brutzeln frei nach altem Brauch.
Das Frühjahr schaut mit einem Blick aus Jade.

Die Birken streuen feinen Blütenstaub,
Kastanien schmücken sich mit grünem Laub.
Dahingerafft hofft Winter nicht auf Gnade.


4

Dahingerafft hofft Winter nicht auf Gnade.
Mal abgesehen davon ist ihm sonnenklar:
Er kommt zurück, schon bald, wie jedes Jahr
und fährt dem Herbst am End in die Parade.

Ihm fehlt der Sinn für jede Schimpftirade,
drum macht er sich für eine Zeitlang rar.
Nur nördlich droht von ihm noch Eisgefahr.
Die braucht man hier nicht für die Marinade.

Und dennoch wundert er sich aus der Ferne,
wie Menschen selbst beim Lichtschein der Laterne
im Freien hocken, dort, bei der Zikade.

Ein letzter Schneesturm, Bodenfrost zum Gruße,
dann ist die Zeit für sommerliche Buße:
Der Park schnauft Pollen, schnauft und stäubt gerade.


5

Der Park schnauft Pollen, schnauft und stäubt gerade,
verteilt sein Übermaß an gelbem Puder
nicht in geringen Dosen, nein, im Fuder,
setzt sich den Hutlosen auf die Pomade.

Mit feiner Schicht liegt er auf Limonade,
bestäubt die Nonne und den Glaubensbruder
und gleitet jeder Hausfrau aus dem Ruder.
Ihr Putzbemühen bleibt gleichwohl Fassade.

Noch ist der Lenz im Kommen, noch am Werden,
schon hagelt es die ersten Motzbeschwerden,
als gäbe es nur für sein Fehlen Kompliment.

Die Areale werden flugs gereinigt.
(Die Nonne hat sich mit dem Mönch vereinigt ...)
Dem Alten spendet er sein Sakrament.


6

Dem Alten spendet er sein Sakrament
bei einem Golfplatz, nahe der Chaussee.
Der trägt jetzt Hut (die Frauen auch Plissee).
Nur gut, dass heute niemand ihn erkennt.

Denn oftmals ist es schwer, so prominent!
Das läge sicherlich an dem Klischee,
meint er, und klopft den allerletzten Schnee
sich von den Ärmeln. Zeit, dass man sich trennt!

„Gut, abgemacht! Ich gehe nun Herr Lenz!“
raunt er dem Grünen zu (schnappt seinen Stenz),
der seinen vollen Namen nicht mehr nennt.

„Vorüber und vorbei! Ists dir auch schwer!“,
ruft der dem weißen Alten hinterher
mit einem allerletzten Kompliment.


7

Mit einem allerletzten Kompliment
besiegelt heut im Park ein Mann sein Ziel
bei der Partie, dem ersten Frühlingsspiel,
setzt die Figuren einfach exzellent.

Begeisterung entsteht auf dem Zement
sogar bei einer Gör mit Eis am Stiel,
entgeht dem Ede da am Eck ein Deal.
Von einer Bühne schweigt gebannt 'ne Band.

Für einen Lidschlag lang ist alles stille,
verharrt ein Wurm in seiner Regenrille,
schweigt auch die liebliche Scheherazade.

Denn bei dem Zug davor hieß es schon „Schach!“
Kokett, mit jenem „Dass ich da nicht lach!“,
gebietet er den Wechsel, die Scharade.


8

Gebietet er den Wechsel, die Scharade,
dann füllen sich die Straßen und Terrassen.
mit Caprihosen, bunten Menschenmassen.
Man trinkt Kaffee und Bier und Schokolade

und isst Baguette mit Erdbeermarmelade.
Akkordeonbediener üben Tastenfassen,
es klimpern Löffel auf den Untertassen,
sowohl in Städten, wie auch am Gestade.

In Dörfern gräbt man hektisch an den Rosen,
trägt Schürze, hält auch nichts von Caprihosen.
Nur zum Kaffee sagt man auch hier nicht nein.

Am Obstbestand wird man nun nicht mehr sägen
und Samstagfrüh muss man die Straße fegen!
Sobald die Sonne strahlt, geht’s querfeldein.


9

Sobald die Sonne strahlt geht’s querfeldein.
Zig Federvölker präsentieren ihr Konzert:
Die Finken schlagen und die Lerche fährt
dazwischen, trillert sich in C-Dur ein.

Der König aber vom Gesangsverein
singt wieder, meint die Amsel, grundverkehrt
und zwitschert, bis ihr Lied den König stört.
Der neigt sein Haupt verschämt und sieht es ein.

Er lässt die anderen im Kanon singen,
genießt und lauscht den Hymnen, die erklingen.
Wie er, denkt er, sollt jeder König sein!

Und plötzlich gibt es Lärm auf weiter Flur.
Ein Eichelhäher krächzt! Was gibt es nur?
Die Nachwuchsschieber rennen durch den Hain!


10

Die Nachwuchsschieber rennen durch den Hain;
es wird gejoggt, dass sich die Muskeln spannen.
Man schwitzt und nutzt, was andere ersannen,
sticht Walkingspitzen in die Wege rein.

Aus Kinderkutschen tönt ein derbes Schrei'n
die Muttis aber sind am Bilderscannen,
wolln sich – „Scheiß Hundekot!“ - bemannen
und rennen, rennen, findens hundsgemein!

Ein Knopf im Ohr scheint beinah angetackert
bei der, die übern Hügelacker rackert,
beflissen überhört sie Vogelklänge.

Doch die, die laufend sinnlos vor sich stiert,
die hat der Lenz schon immer ignoriert.
Das Land durchstreifen freudige Gesänge!


11

Das Land durchstreifen freudige Gesänge.
Der Hafer sticht schon merklich durch die Äcker!
Ein Suffkopp geht salbadernd auf den Wecker -
schon hats an einem Biertisch Handgemenge!

Mit einem Stuhlbein gibts gehörig Senge,
der Trunkenbold verkommt zum Bodendecker.
Die Polizei beschlagnahmt seinen Trecker …,
erahnt im Gras vorm Haus Zusammenhänge.

Wohl jene, die da übern Rasen hampeln,
vermeinen eh nur Unkraut zu zertrampeln.
Sie demolieren, stochern wie im Wahn!

Und wissen nichts von Ehrenpreis und Miere,
die Heimat sind für kleine Krabbeltiere,
mit Blüten, die fragil wie Porzellan.


12

Mit Blüten, die fragil wie Porzellan,
schritt zaghaft der Herr Lenz durch meine Türen.
Sein sanfter Blick vermochte mich zu rühren,
liebkosend strich er über die Membran.

Auf grauen Wegen brach sich Frühling Bahn.
Fiel auch mal Regen auf das Land in Schnüren -
er kam, das Regenbogenland zu küren
und schenkte mir den ersten Löwenzahn.

Und hat mir noch ein Wunder mitgebracht:
Den Morgen, der gleich hinterm Wald erwacht,
und einen See, gekrönt mit einem Schwan.

Er tupft nur noch ein wenig auf die Ränder;
bald fliegen himmelweit die bunten Bänder!
Mit zarten Pinselstrichen ist's getan!


13

Mit zarten Pinselstrichen ist's getan!
An einem See sitzt hoffnungsvoll ein Dichter,
betrachtet an der Oberfläche Lichter
und schreibt die Fortsetzung für den Roman.

Im Schilf liegt noch das Wrack von einem Kahn,
erinnert ihn an glückliche Gesichter.
Nur wirkt nach jenem Winter dieser schlichter.
Das ändert jedoch nichts an seinem Plan.

Bekannt, berühmt, umschwärmt und vorgezeigt,
ein Mann, vor dem sogar der Papst sich neigt
erträumt er sich diverse Sektempfänge.

Der Pfau sieht niemals Kinder Räder schlagen
und will sich nur für die Verleger plagen!
Im Land herrscht Aufbruch, Stimmung und Gedränge.



14

Im Land herrscht Aufbruch, Stimmung und Gedränge.
Die Leute pilgern zu erblühten Wiesen
und wälzen sich darauf, auf ebendiesen.
Nach Winterfrust entstehen neue Zwänge.

Am Anfang noch, auf Zigarettenlänge,
ward auf Balkonien Sonnenschein gepriesen.
Doch mittlerweile ist der Mensch am Niesen;
der Pollenflug treibt manchen in die Enge.

Und dennoch, Kinder, lasst die Mäntel fallen!
Mag Eiswind auch die kalten Fäuste ballen -
um seinen Abschied ists durchaus nicht schade.

Mit Aberwitz verstellen wir die Uhren
und preisen noch absurder ihre Spuren ...
Das Volk drängt wieder auf die Promenade.


15 Aufbruch

Das Volk drängt wieder auf die Promenade,
von Wiesen droht ein neues Happy-End.
Die Sonne heizt am weiten Firmament;
dahingerafft hofft Winter nicht auf Gnade.

Der Park schnauft Pollen, schnauft und stäubt gerade,
dem Alten spendet er sein Sakrament.
Mit einem allerletzten Kompliment
gebietet er den Wechsel, die Scharade.

Sobald die Sonne strahlt, geht’s querfeldein:
Die Nachwuchsschieber rennen durch den Hain,
das Land durchstreifen freudige Gesänge.

Mit Blüten, die fragil wie Porzellan,
mit zarten Pinselstrichen, ist's getan!
Im Land herrscht Aufbruch, Stimmung und Gedränge.

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